Nachtfahrt

von Gabi Lässig / am 15.09.2018 / in Allgemein

Nachdem wir einen ganz entspannten Hochzeitstag – mit einem ausgezeichneten spanischen Essen in einem tollen Restaurant – genossen hatten, blieb uns nur noch das Warten auf das richtige Wetter für die Weiterfahrt.

Noch als wir den Hafen von Bilbao verließen, wussten wir nicht so recht, was wir machen sollten: Einen kleinen Schlag von 20 Seemeilen, um in Bermeo weiter auf Westwind zu warten? Einen doppelt so langen Schlag, der aber bedeuten würde, die kommenden Tage jeweils mindestens 8 Stunden lang zu segeln, um an der Küste entlang nach Frankreich zu gelangen? Oder mal wieder auf den Wetterbericht zu vertrauen, der Nordwestwind in ordentlicher Stärke vorhergesagt hatte, und dann gleich auf einen Schlag 110 Seemeilen, also etwa 24 Stunden, rüber nach Arcachon zu düsen?

Anfangs sah es überhaupt nicht nach segelbarem Wind aus, und wir tendierten schon zur Bermeo-Lösung, zumal es Jürgen nicht richtig gut ging an diesem Tag.  Dann aber, oh Wunder, frischte der Wind doch tatsächlich auf, und nach kurzer Lagebesprechung setzten wir den Kurs gen Nordost.

Ja, an Wind mangelte es nicht, und da ausnahmsweise auch mal die Richtung stimmte, konnten wir die Fahrt anfangs so richtig genießen. Unter vollen Segeln, wir machten über 6 Knoten Fahrt, fuhren wir den ganzen Tag, bis in die Nacht hinein – die allerdings um diese Jahreszeit schon verdammt lang ist. Anfangs leuchteten noch ein paar Sterne durch die Wolkenlücken und erlaubten eine entspanntere Navigation als nur nach Kompass. Aber dann wurde es so richtig zäh – mein Magen rebellierte wieder, die Wellen, von Wind und Dünung kräftig angeheizt, versetzten die Ayoli immer wieder um bis zu 30 Grad nach Steuerbord und Backbord – und wir mussten das alles von Hand aussteuern, da ja unser Autopilot immer noch nicht funktioniert. Das ging an die Substanz und war nur dadurch auszuhalten, dass wir uns stündlich am Steuer abwechselten und in der Ruhezeit versuchten, ein bisschen Schlaf abzubekommen.

Wie schön war es dann, als es endlich dämmerte und die Küste von Frankreich in Sicht kam! Guter Dinge steuerten wir die Einfahrt nach Arcachon an, wo wir vor der letzten Etappe noch einen oder zwei Ruhetage im Hafen einlegen wollten – bzw. von wo ich gut nach Stuttgart gelangen konnte, wenn das Wetter nicht passte.

Da wir kurz nach Hochwasser den Einfahrtskanal anliefen, machten wir uns auch keine weiteren Gedanken über die Wassertiefe, wunderten uns nur über das seltsame Aussehen des Ufers, wo sich riesige Brandungswellen überschlugen. Da sollten wir also durch? Na ja, die Seekarte zeigte es so, und die Fahrrinne war auch betonnt. Also Augen zu und durch… oh nein! Das Echolot zeigte immer weniger Wasser unter dem Kiel, und auf einmal rumste es, und wir hatten Grundberührung. Also riss der Skipper (Jürgen war gerade dran) das Steuer herum und lenkte die brave Ayoli durch die Brandungsberge in tiefere Gewässer.

Kaum waren wir den schlimmsten Wellen entkommen, erreichte uns ein Funkspruch der Küstenwache von Arcachon, die uns auf dem Schirm hatte. Nein, wir könnten bei diesen Verhältnissen nicht nach Arcachon gelangen, das wäre erst wieder anderthalb Stunden vor Hochwasser möglich. Also kurz vor sieben…. Was wären die Alternativen? Anker werfen ( bei diesem Wellengang) und acht Stunden warten? Oder 60 Meilen, also 11 Stunden, weiterfahren, müde und kaputt wie wir waren? Wir entschieden uns notgedrungen für die zweite Lösung und kämpften uns die langweilige, sandige Küste hoch, Stunde um Stunde. Weiter abwechselnd steuernd und schlafend, so gut es eben ging.

Es dämmerte schon, als wir die Pointe de Grave, also die Landspitze vor der Gironde-Mündung, erreicht hatten, und mussten hier nochmals ganz konzentriert durch die Untiefen und Sandbänke navigieren.
Als wir in den Fluss einbogen der hier 5 km breit ist, war es bereits richtig dunkel.
Auf allen Seiten blinkten und leuchteten irgendwelche Lichter, Frachter lagen vor Anker, und was dazwischen lag, war unsichtbar. Wir mussten uns ganz auf unseren Plotter verlassen, der uns den Weg zur Hafeneinfahrt wies. Leider war die Marina nicht, wie erhofft, einigermaßen beleuchtet, sondern genauso stockdunkel wie der Fluss selbst. Unmöglich, da einen Besuchersteg oder gar unseren reservierten Liegeplatz zu finden! So sah das aus:

 

 

Zum Glück war gleich am Anfang der Steg der Tankstelle, wo wir festmachen konnten, und wo wir dann über Nacht auch blieben. Und tief und fest schliefen…

Der Tiger hat den rauhen Ritt auch wieder vorbildlich hingenommen – dafür hat er jetzt hier das Paradies vor der Tür! Wir liegen nun am endgültigen Steg, ruhig und sicher, und die Hundewiese keine 50 Meter entfernt. Und wir können (und müssen) uns erst mal ein bisschen von knapp 180 Seemeilen (330 km) bzw. 36 Stunden Marathonfahrt erholen…

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